Michael Mertin, Vorstand von AT&S, spricht über den Einstieg des Leiterplattenherstellers ins Rüstungsgeschäft, die Bedeutung europäischer Autonomie in der Elektronik und die Rolle von AT&S in diesem Zusammenhang. Er erläutert die Pläne des Unternehmens, die Kundenstruktur und die Notwendigkeit von Investitionen in technologische Souveränität.
Michael Mertin ist Vorstand beim heimischen Leiterplatten hersteller AT&S . Mit profil sprach er über den Einstieg ins Rüstungsgeschäft , politische Versäumnisse und warum er China mag. AT&S steigt jetzt – wie sehr viele heimische Industriebetriebe – auch ins Rüstungsgeschäft ein und will bald Umsätze im zweistelligen Millionenbereich erzielen.
Was haben Sie genau vor?Wir erhalten bereits seit längerer Zeit Anfragen aus dem Verteidigungsbereich. Moderne Verteidigungssysteme funktionieren nicht ohne Elektronik. Damit funktioniert auch die europäische Autonomie in diesem Bereich nicht ohne Elektronik und Mikroelektronik – und damit auch nicht ohne Leiterplatten und Substrate. Wenn Europa in diesem Bereich autonome Fähigkeiten entwickeln will, ist eine leistungsfähige Elektronikindustrie unverzichtbar. Unser Werk in Leoben ist das einzige in der freien westlichen Welt, das Substrate , für Hightech-Computing produziert. Das heißt also, wenn wir das Thema europäische Autonomie im Verteidigungsbereich ernst nehmen, dann führt kein Weg an uns vorbei.Wir liefern hochspezifizierte elektronische Komponenten, vor allem im Bereich der optischen Systeme – also etwa für Aufklärungssysteme wie Drohnen für zivile und militärische Anwendungen, aber auch für die Luftfahrt und für Satelliten. Was unsere Kunden betrifft so unterliegen wir hier strengen Vertraulichkeitsvereinbarungen. Ich kann Ihnen aber sagen, dass wir ausschließlich an Partner in EU-Staaten und an Nato-Länder liefern. Österreich hat ein strenges Neutralitätsgesetz und strenge Exportvorgaben für Rüstungs- und Dual-Use-Güter. Sind die aktuellen Gesetze schlecht für Ihr Geschäft? „Es ist wünschenswert, dass Europa bei Technologie und kritischen Gütern wieder stärker in die eigene technologische Souveränität investiert.“AT&S wird selbstverständlich kein Rüstungsunternehmen – auch ohne diesen Bereich sind wir wirtschaftlich sehr erfolgreich. Österreich ist Mitglied der Europäischen Union und bezieht selbst Verteidigungstechnologien von befreundeten Staaten. Das bedeutet, dass das Land bereits in sicherheitspolitische Kooperationen eingebunden ist. Als Deutscher möchte ich mir nicht anmaßen, Österreich Ratschläge zu geben, aber ich denke es ist wichtig, zwischen politischer Neutralität und technologischer Verteidigungsfähigkeit zu unterscheiden. Wir liefern, wie schon vorhin erwähnt, ausschließlich an Partner in EU- und Nato-Staaten, mit denen wir ein gemeinsames Verständnis von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten teilen. Zwischen den USA und China tobt ein harter Chip-Krieg. China hat Ausfuhrbeschränkungen für Rohstoffe und Seltene Erden eingeführt. Welche Auswirkungen hat das auf die Produktion hier?Aktuell spüren wir keine wesentlichen Einschränkungen. Das hat aber damit zu tun, dass wir neben China auch in Malaysia produzieren. Mit dieser Flexibilität können wir geopolitische aber auch regulatorische Entwicklungen abfedern und die Versorgungssicherheit für unsere Kunden gewährleisten. Mit dieser Diversifizierung sind wir erfolgreich, denn mittlerweile haben wir Kunden, die lieber aus Malaysia beliefert werden wollen. Andere wiederum wollen, dass wir für sie für gewisse Produktgruppen in Österreich produzieren. Dabei handelt es sich um kein klassisches Verteidigungsthema. In besonders innovativen Technologiebereichen legen manche Kunden große Wert auf Diskretion – vor allem dann, wenn es um sensible Daten oder geistiges Eigentum, also Intellectual Property geht. Es besteht die Sorge, dass Informationen in falsche Hände geraten. Aber mehr kann ich dazu nicht sagen.Bis heute faktisch nicht. Das hat damit zu tun, dass bestimmte Schlüsseltechnologien – etwa bei Computerchips – in Europa nicht in ausreichendem Maße produziert werden, weil es in Europa bis auf wenige Nischen und Ausnahmen keine eigenständige und vollständige Chip-Industrie gibt. Daher ist es wünschenswert, dass Europa hier stärker in die eigene technologische Souveränität investiert.In einigen Bereichen setzen wir künftig verstärkt auf Eigenfertigung, zudem passen wir im Unternehmen gegenwärtig unsere Produktionsstrategie an: Wir verlagern bestimmte Fertigungsprozesse nach China, damit wir in Österreich mehr Platz für höherwertige Wertschöpfung schaffen. Weil Sie die Werksschließung ansprechen: Es war hier längst überfällig, uns selbst zukunftsfähig aufzustellen. Die geopolitischen Konflikte zwischen China, den USA und auch die Rolle Indiens sind dabei ein ständiges Wechselspiel, das wir sehr genau beobachten. Fakt ist: Die USA sind stark auf China angewiesen – etwa bei der Herstellung von Smartphones. In den USA fehlen Infrastruktur und Fachkräfte. Und man kann auch nicht Lieferketten, in die über Jahre hinweg viele Milliarden investiert wurden, von heute auf morgen ersetzen. Es dauert nicht nur Jahre, um Werke hochzufahren, es sind auch enorme Kosten damit verbunden. Auch US-Unternehmen ist nicht geholfen, wenn sie plötzlich keine Produkte mehr erhalten. Sie haben ein Werk in China, wo sie für den lokalen Markt produzieren, wie ist denn das Geschäftsklima für westliche Unternehmen dort?Grundsätzlich sehr gut. Wir stoßen auf hohe Bereitschaft zur Unterstützung, sei es bei Investitionen, bei der Zusammenarbeit mit Universitäten zur langfristigen Sicherung von Fachkräften, die wir laufend benötigen bis hin zur Entwicklung der Infrastruktur. Auch Themen wie grüne Energie werden gefördert. Da müssen wir kurz einhaken. China hat sich zuletzt sehr stark auf seinen Binnenmarkt konzentriert und selbst versucht, sich von internationalen Abhängigkeiten abzukoppeln. Gab es denn hier wieder einen Kurswechsel?China steht vor großen Herausforderungen, insbesondere durch die demografischen Folgen der Ein-Kind-Politik. Das wirkt sich zunehmend auf die wirtschaftliche Dynamik und Investitionskraft aus. Gewisse Investitionen in China haben nicht die gewünschten Effekte erzielt. In den Bereichen Automotive oder in der Raumfahrt hat China aufgeholt, die Bereiche Luftfahrt und Mikroelektronik funktionieren noch nicht wie gewünscht. Aber im aktuellen 5-Jahres-Plan will man sich diesen Themen verstärkt widmen. China ist ein Land mit 1,4 Milliarden Menschen und hat klar definierte Interessen, die es auch durchsetzen will. Auch wir in Europa täten gut daran, unsere eigenen Interessen zu verfolgen. Ein einzelnes Land wie Österreich ist hier zu schwach, aber als Europäische Union hätten wir eine wirtschaftliche und technologische Durchschlagskraft. Kommen wir zurück nach Österreich. Die Regierung arbeitet gerade an einer neuen Industriestrategie. Was erhoffen Sie sich daraus?Ehrlich gesagt, erwarte ich mir davon relativ wenig. Die Herausforderungen der Industrie liegen ja tiefer. Wir haben zu viel Staat für zu wenig Individuum. Solange diese Staatsquoten und diese Regulierungsstrukturen erhalten, sind solche Strategien nur kosmetisch. Natürlich können einzelne Maßnahmen wie etwa die Liberalisierung bei Rüstungsexporten punktuell etwas bringen, aber wir stehen im internationalen Wettbewerb und andere Länder agieren oft deutlich wirtschaftsfreundlicher. Der Kahlschlag in der Industrie war in den letzten zwei Jahren dramatisch. Welche Maßnahmen sollte man dennoch jetzt rasch beschließen, um noch mehr Personalabbau zu verhindern?Es braucht tiefgreifende Reformen. Eine echte Entbürokratisierung, eine Senkung der Staatsquote und eine umfassende Steuerentlastung. Darüber hinaus sollte man die Energiemärkte sowie den Daten- und Verbraucherschutz deregulieren. Auch beim Thema Umweltschutz müssen wir diskutieren: Es bringt nichts, wenn wir mit einem hohen finanziellen Aufwand versuchen, die letzte Tonne CO2 einzusparen, während andere Länder auf der Welt das Öl verbrennen und weiterhin fossile Energien nutzen. Diese hohen Kostenstrukturen belasten unsere Industrie zusätzlich. Daher versuchen wir uns über unsere Technologie und Know-How zu differenzieren, damit wir an unseren österreichischen Standorten nicht nur über Kosten, sondern über Qualität und Innovationskraft konkurrenzfähig bleiben.Das Argument der niedrigen Kosten ist eine politische Ausrede. Der Wettbewerbsvorteil von China beruht längst nicht mehr auf der günstigen Produktion, dort gibt es mittlerweile eine Vielzahl an hervorragend ausgebildeter Arbeitskräfte, eine hervorragende Infrastruktur und an vielen Stellen ein unternehmerfreundlicheres Umfeld als in Europa.Natürlich gibt es in China Einschränkungen bei individuellen Freiheiten, etwa durch Social Scoring . Aber das hat nichts mit dem Wirtschaftssystem zu tun, sondern betrifft primär gesellschaftspolitische Fragen. Die politischen Rahmenbedingungen kann man kritisch bewerten, aber wirtschaftlich ist das System in vielen Bereichen sehr leistungsfähig.Michael Mertin ist seit Mai 2025 AT&S-Chef.Wir haben in einigen Bereichen den Anschluss wirklich verloren. Selbst wenn Europa jetzt entschlossen gegensteuern würde, werden die positiven Effekte erst nach vielen Jahren sichtbar. Solche Fehlentwicklungen lassen sich nicht innerhalb einer Legislaturperiode korrigieren, deshalb sind politische Maßnahmen auch so schwierig umzusetzen. Ein gutes Beispiel ist die Agenda 2010 des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Schröder. Er ist dafür abgewählt worden. Trotzdem hat diese Agenda Deutschland in den Folgejahren nach seiner Abwahl zehn bis 15 goldene Jahre beschertGenau. Das heißt aber nicht, sich heute aus der Verantwortung zu ziehen. Viele Menschen sind verunsichert, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht. Sie glauben dann dem Rattenfänger und sind anfällig für einfache Antworten und politische Versprechen. Das ist aber der falsche Ansatz. Die Politik muss den Menschen erklären, mit welchen Maßnahmen wir aus Krisen herauskommen können. Nur so kann man Vertrauen zurückgewinnen und extremen politischen Strömungen entgegenwirken. Eine Steuerreform oder eine gezielte Deregulierung hat ja nichts mit Extremismus zu tun – das sind notwendige Schritte. Auch auf die Gefahr hin, dass man vielleicht nicht wiedergewählt wird.Das entscheidet letztlich der Aufsichtsrat. Aber ich denke, dass die Position nach Qualifikation und Erfahrung besetzt wird – unabhängig vom Geschlecht. Aber leider bewerben sich zu wenig Frauen für Spitzenpositionen im Top-Management.Das lässt sich nur schwer pauschal beantworten, da kann ich nur spekulieren. Es gibt sicherlich gesellschaftliche und auch kulturelle Gründe, warum sich weniger Frauen für Spitzenpositionen im Management bewerben. Manche wählen bewusst ein traditionelles Lebensmodell – man nennt sie ja trad-wives – und das ist völlig legitim, solange es eine freie Entscheidung ist. Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen. Entscheidend ist für mich, dass Positionen nach Qualifikation und Eignung vergeben werden – unabhängig vom Geschlecht. Gleichzeitig möchte ich alle Frauen ausdrücklich ermutigen, sich für technische und wirtschaftliche Berufe zu entscheiden: Werdet Ingenieurinnen, Physikerinnen, Chemikerinnen, Volkswirtinnen. Meine eigene Tochter ist Wirtschaftsingenieurin und arbeitet erfolgreich in einem Hightech-Unternehmen. Was wir heute sehen, ist das Ergebnis von Bildungs- und Berufsentscheidungen, die vor 20 oder 30 Jahren getroffen wurden.Michael Mertin ist seit dem 1. Mai Vorstand des steirischen Leiterplatten- und Substrateherstellers AT&S. Der promovierte Physiker war davor unter anderem CEO der Jeneoptik AG, bei Karl Zeiss und als selbständiger Unternehmensberater tätig. AT&S hat fast 13.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und betreibt unter anderem Standorte in China, Malaysia und Indien. Im ersten Halbjahr konnte das Unternehmen seinen Umsatzerlös auf knapp 800 Millionen steigern. Im vergangenen Geschäftsjahr kämpfte der Betrieb noch mit Verlusten und musste Mitarbeiter abbauen. Mittlerweile hat sich der Aktienkurs von den Turbulenzen erholte und legte seit Jahresbeginn um 130 Prozent zu.China und Russland haben soeben die neue Weltordnung ausgerufen. Die Botschaft: Der Westen ist schwach, für Stabilität sorgen Peking und Moskau. China-Expertin Susanne Weigelin-Schwiedrzik erklärt, wie sich Peking die Zukunft vorstellt – und welche Rolle dabei Europa zukommt.Ein heimisches Unternehmen versucht seit Jahren, Drohnen für die Minensuche an die Ukraine zu verkaufen. Die Regierung untersagte das bisher mit Verweis auf die Neutralität. Vom Wiederaufbau in der Ukraine drohen heimische Firmen wegen Österreichs Haltung ausgeschlossen zu werden.
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