Eine Kampagne gegen Neonazis mit dem Borussia-Dortmund-Wappen erregt große Aufmerksamkeit. Bloß: Verein und Spieler haben damit gar nichts zu tun.
Die Aktivistinnen und Aktivisten planen dann gezielte Gegenkampagnen. Werber sagen: gute Intention, falscher Ansatz. Mindestens 40 dieser Plakate waren, so die Polizei, vermutlich am Samstag in einer Art Guerilla-Aktion in der ganzen Stadt verteilt in Schaukästen platziert worden.
Die Plakate, unten das Logo von Borussia Dortmund, oben das Motto"BVB gegen Nazis" und Verweise auf das Bundesfamilienministerium und"Exit", eine Aussteigerorganisation für ehemalige Neonazis, wirken hochwertig und passten nach Angaben der Polizei perfekt in die 118,5 mal 175 Zentimeter großen Sicherheitsschaukästen der Leichtmetall-Vitrinen. Wie genau die Schaukästen geöffnet wurden, wisse man bisher nicht, sagt ein Sprecher des zuständigen Werbeflächen-Vermarkters Wall."Es kommt aber häufiger vor, dass illegal Schlüssel nachgemacht werden." In den falschen Fußballer-Statements wird mehrfach der Stadtteil Dorstfeld angesprochen, der häufig in den Schlagzeilen ist, weil rechtsextreme Gruppen sich dort eine kleine lokale Basis geschaffen haben. Dorstfeld, eine frühere Arbeitersiedlung, liegt im Westen der Stadt, etwa 15 000 Menschen leben dort. Einige der rechten Splittergruppen haben die Behörden inzwischen verboten, doch bis heute zeigen sich Neonazis in Dorstfeld offener als anderswo, viele in der Szene nennen sich offensiv"Nazis". Eine Ikone der Dorstfelder Rechtsextremen ist der 65-jährige Siegfried Borchardt , der seit den Achtzigerjahren aktiv ist. Er war Mitbegründer der Fangruppe"Borussenfront", später Mitglied diverser Kameradschaften und Mini-Parteien wie zuletzt der Gruppierung"Die Rechten". Etwa 100 Anhänger dieser Partei zogen vergangenen September mit Fackeln durch den Stadtteil und skandierten rassistische Parolen. Einige Dutzend leben in einer Siedlung im Zentrum von Dorstfeld, wo sie sich, wie sie es selbst nennen, einen"Nazi-Kiez" schaffen wollen. Genau das ist der Grund, warum Ralf Stoltze, Bezirksbürgermeister für das Gebiet Innenstadt-West, das gefälschte Plakat mit BVB-Kapitän Marco Reus nicht gut findet. Der Text ist als Anspielung auf das jüngst verlorene Derby gegen die Konkurrenz aus Gelsenkirchen zwar ohnehin eine Zumutung für jeden BVB-Fan."Aber uns in Dorstfeld stört vor allem, dass da der Begriff Nazi-Kiez aufgegriffen wird. Das ist unfair." Die überwältigende Mehrheit der Dorstfelder, so der 62-jährige SPD-Lokalpolitiker, habe mit den Rechtsextremen"nichts, aber auch gar nichts zu tun" - und sei genervt, weil ihre Heimat wieder und wieder abgestempelt werde. Als noch ärgerlicher empfindet Stoltze zwei andere Motive: das von Mario Götze, dem angedichtet wird, er wolle"lieber die Meisterschaft an Bayern verlieren als Dorstfeld an die Nazis". Und das mit der verblassten BVB-Legende Andy Möller. Der Mittelfeld-Mann hatte sich einst mit dem Satz über einen geplanten Vereinswechsel blamiert:"Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien!" Die Parodie sei jedoch"völlig misslungen", sagt Stoltze:"Hauptsache nicht Dorstfeld - das ergibt doch auch als Spruch keinerlei Sinn."Dennoch, Stoltze verhehlt nicht, dass ihm die Stoßrichtung der illegalen Plakataktion gefallen hat. Auch der BVB legt Wert auf die Feststellung, dass er sich nicht inhaltlich von den Plakaten distanziert habe, sondern in erster Linie von der Art und Weise, wie sie in die Öffentlichkeit gelangt seien. Der Verein ist stolz auf sein Engagement gegen rechts, erst kürzlich waren Geschäftsführer Watzke und Marketing-Chef Carsten Cramer zu Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, weil der Verein eine Million Euro für deren Erweiterung gespendet hatte. Lokalpolitiker Stoltze erkennt außerdem an, dass der BVB viel tut gegen Versuche von Neonazis, auf der Südtribüne Gruppen gelbschwarzer Ultras anzuwerben:"Aber das ist meist im Stadion - nicht draußen." In Dorstfeld, wo 46 Vereine alljährlich ein Demokratie-Fest für Toleranz und Vielfalt auf die Beine stellen,"da bleiben wir im Alltag dann meist alleine".
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